Kapitel 7
Dania und der Rote Front

Das Kleine Rote

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Die Sommerferien näherten sich und ich hatte meinen letzten Aufsatz abgegeben. Wir hatten eine Zusammenfassung und Einschätzung des Buchs „Herr der Fliegen“ schreiben sollen, das wir zuvor gelesen hatten. Natürlich waren da wieder welche, die es nicht schafften, es ganz zu lesen, aber diese Leute bekamen von den Mitschülern eine Kurzfassung, mit der sie sich dann begnügen mussten.
Überhaupt war es schwer, sich zusammenzureißen und ein Buch von Anfang bis Ende zu lesen. Einen Roman begann man in der Hoffnung darauf, die Lektüre würde ein spannendes Erlebnis liefern, in der Regel wurde man aber enttäuscht und las das Buch nicht zu Ende. Entweder zündete das Thema nicht oder die Geschichte war in einem altmodischen Stil geschrieben, mit verschnörkelten Sätzen und überflüssigen, eingeschobenen Bemerkungen.
Am Schlimmsten war, dass man oft das Gefühl hatte, nicht vom Fleck zu kommen oder dass es hundert Jahre und einen Tag brauchte, bis die Handlung endlich vorankam. Die Geschichte rührte sich nicht oder es dauerte zu lange, durch sie hindurchzukommen. Es war wirklich kein Wunder, dass die Menschen, jetzt, wo sie die Gelegenheit dazu bekamen, mehr fern sahen. In einem Film liefen oft in schneller Folge unheimliche Dinge ab und der Höhepunkt der Erzählung war im Laufe von anderthalb Stunden zu erreichen. Dann konnte man sich mit etwas anderem beschäftigen und blieb nicht schon am Anfang hängen, wie es passierte, wenn man die Zeit dafür aufwendete, dieselbe Geschichte als Buch zu lesen.

Aber „Herr der Fliegen“ hatte ich komplett durch geschafft, und ich hatte mich nicht quälen müssen, obwohl es sich um ein altes Buch handelte. Zu der Geschichte konnte man auch Position beziehen, weil die Idee dahinter spannend und provokant war.
Eine Schar Schüler eines englischen Internats verunglückt und rettet sich auf eine verlassene Insel, wo sie alle lernen müssen, auf sich allein gestellt zurechtzukommen. Also eine erbauliche Robinson-Crusoe-Geschichte, könnte man sagen, in der das Unglück nach und nach überwunden wird und alle verstehen lernen, in Einklang mit der Natur zu leben. Die Robinsongeschichte hat sich mit den Jahren zu einer klassischen Erzählung für Kinder entwickelt, die vom Überleben unter schwierigen Bedingungen erzählt.
Aber bei „Herr der Fliegen“ ist das anders. Da gibt es nicht nur die eine Person, sondern eine ganze Klasse, die es schaffen muss, das Leben von Grund auf zum Funktionieren zu bringen, und das ist etwas ganz anderes. Ich kenne das aus unserer Klasse. Wenn wir eine Gruppenarbeit zu machen haben, läuft es auch nicht immer gleich leicht. Manche wollen lieber eine ruhige Kugel schieben und die Arbeit anderen überlassen, die sich für das Thema mehr engagieren.
Auf der Insel zeigte sich natürlich auch, dass sich in der Gruppe einige wenige Schüler befanden, die die Fähigkeit besaßen, die anderen anzuführen. Sie stiegen unter den anderen Kindern auf und übernahmen die Macht, und schließlich dominierten zwei Anführer, die sich, als sie in Streit miteinander gerieten, trennten und ihre jeweiligen Anhänger mit sich nahmen. Die eine der beiden Gruppen verhielt sich aggressiver als die andere, und ihre Mitglieder entwickelten sich zu regelrechten Kriegern, die damit drohten, die komplette Macht auf der Insel zu übernehmen.
Die Werte, denen die Krieger huldigten, hatten natürlich mit Gewalt und Unterdrückung zu tun. Das Recht des Stärkeren und all diese Sachen, sehr primitiv. Es war kurz davor, dass sie sich gegenseitig ausrotteten, bis die Situation im letzten Augenblick von Leuten von außerhalb gerettet wurde, die die Kinder fanden und den abschließenden blutigen Aufstand verhinderten.
Die Position des Autors war es, dass es immer brutale und kriegerische Verhältnisse wären, die herrschen würden, wenn eine Entwicklung von Grund auf neu begann und sich ohne Einmischung von außen entwickeln durfte.
Als seinen Ausgangspunkt nahm er englische Internatsschüler, die es bereits gewohnt waren, unter einem System zu leben, das sie bevormundete. Aber war das der Grund dafür, dass die Geschichte dermaßen schieflief? Würden gewöhnliche Menschen sich für den gleichen Weg entscheiden, wenn sie noch einmal von vorn anfangen müssten? Würden Werte einer vergangenen zivilisierten Gesellschaft überleben können, wenn Menschen wieder ganz von Anfang an beginnen mussten?
Wir waren gebeten worden, uns vorzustellen, der drohende Atomkrieg wäre Realität geworden. Die Westmächte und der Ostblock besaßen ja die Möglichkeiten dazu, ihn Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn jemand an der Führungsspitze auf den roten Knopf drückte, was dann? Unzählige Menschen würden sterben, aber an weit abgelegenen Orten würden vielleicht einige überleben. Würden sie dann anfangen, um die letzten Reste des zum Überleben Notwendigen zu kämpfen, auch wenn sie dabei andere Menschen töten mussten?
Das war eine düstere Frage, und ich hatte in meinem Aufsatz meinen Vorschlag einer möglichen Entwicklung dazu abgegeben. Ich fragte mich, was unser Dänischlehrer wohl dazu sagen würde?
„Es ist ganz gleich, wofür ihr euch entscheidet, aber ihr sollt für eure Entscheidung argumentieren, das ist das Wichtigste. Weshalb läuft es so, wie ihr es beschlossen habt? Und was sind auf längere Sicht die Konsequenzen daraus? Wollen wir doch mal sehen, ob ihr diesen Brocken verdauen könnt. Guten Appetit.“
Mit diesen Worten hatte er das letzte Aufsatzthema des Schuljahres vorgelegt, und wie üblich bekamen wir genügend Zeit, alles durchdenken zu können, aber es stand auch schon fest, dass ein Teil der Schüler bis zum letzten Augenblick mit der Beantwortung der Fragestellung warten würde. Das war überhaupt etwas, was sicher sehr tief in den Menschen steckte: Bis zum letzten Augenblick zu warten und nichts zu unternehmen, bevor die ganze Sache brenzlig wurde und man gezwungen war, etwas zu tun.

Viele von euch sagen sich: „Das bringt doch nichts. Wir schaffen das nie. Die Erwachsenen bestimmen alles und unsere Mitschüler haben Angst oder sind gleichgültig.“
Ein Tiger kann Furcht einflößend aussehen. Aber wenn er aus Papier ist, kann er niemanden fressen. Ihr glaubt zu sehr an die Macht der Erwachsenen und ihr glaubt zu wenig an eure eigenen Möglichkeiten.
Die Erwachsenen haben große Macht über euch. Sie sind richtige Tiger. Aber auf längere Sicht können sie keine Macht über euch bekommen. Es sind Papiertiger.
Kinder und Erwachsene sind keine natürlichen Feinde. Aber Erwachsene haben selbst sehr wenig Macht über ihre Verhältnisse. Sie haben oft das Gefühl, in der Klemme zu stecken, weil wirtschaftliche und politische Kräfte die Macht über sie haben. Das wirkt sich auf die Kinder aus. In den Fällen, in denen die Erwachsenen sich selbst klar darüber geworden sind und angefangen haben, daran etwas zu ändern, besteht die Möglichkeit einer Zusammenarbeit. Wenn ihr mehr wisst und miteinander diskutiert, könnt ihr mehr schaffen, als ihr glaubt.

In einer Ecke des Schulhofs war ein Auflauf entstanden. Frode hatte ein Buch dabei, über das er zu Hause gestolpert war. Sein großer Bruder hatte es sich einmal besorgt, und einige von uns hatten schon von diesem Buch gehört.
Das Buch war klein und rot und hatte Gesangbuchformat. Aber ein Gesangbuch war es nicht. Kirchliche Bücher zählen Regeln und Gebote auf, die man befolgen soll, andernfalls fällt Feuer vom Himmel. Diese Bücher huldigen Konzepten wie der Unterwerfung unter einen geistigen Führer, einen hochstehenden Gott, von dem angenommen wird, dass er allmächtig wäre und über alles bestimmen darf.
„Das kleine rote Schülerbuch“ war etwas anderes. Es war ein Handbuch über das Schülersein, und statt sich nach den Autoritäten zu richten, sollte man gegen sie arbeiten und sie demoralisieren, wenn es einem möglich war.
Das Buch war von einem ähnlichen Buch für Erwachsene inspiriert, das von weither kam. In China hatte eine Revolution stattgefunden, durch die arme Arbeiter und Bauern die Macht im Land übernommen hatten. Ihr Führer hieß Mao Zedong, ein kleiner, lächelnder Mann mit dickem Kopf, der sehr nett und freundlich aussah. Er hatte ein Buch geschrieben, „Das kleine rote Buch“, in welchem er beschrieb, wie er sich vorstellte, dass die Menschen sich verhalten sollten, jetzt, wo er der große Rudergänger geworden war. Es war auch in viele Sprachen übersetzt worden.
Aber dann, vor ein paar Jahren, als es unter den Jugendlichen auf der ganzen Welt zu einer großen Rebellion kam, hatten ein paar Leute die Idee, ein Handbuch auch für Schüler zu machen. Und um die Verbindung zu dem chinesischen Buch aufzuzeigen, wurde es in dem gleichen, kleinen Format und in der gleichen Farbe gedruckt. Rot war zu der Farbe geworden, die die Revolte und die Sammlung der Menschen um die Ideen des Sozialismus symbolisierte und die unter der Jugend aller westlichen Länder viele Anhänger gefunden hatten.

„Was ist da besonderes dran?“
Poul war skeptisch.
„Da steht, dass die Lehrer nur der verlängerte Arm des Systems sind.“
„Was soll das heißen?“
„Dass sie der Sache des Großkapitals dienen.“
„Und was bedeutet das nun wieder?“
„Unsere gesamte Gesellschaft wird von der Macht des Geldes gesteuert, und es gibt Leute, die der Meinung sind, dass wir das beenden sollten, es also abschaffen sollen. Und die Lehrer sollten dabei helfen und den Weg aufzeigen. Aber weil sie es nicht tun, ist es an uns, die Dinge zu ändern. Wir sind es nämlich, die die Macht haben.“
„Wie das denn?“
„Darf ich mal sehen?“
Bernhard bekam das Buch und blätterte darin. Ein paar sahen ihm dabei über die Schultern. Frode erklärte weiter.
„Wenn der Unterricht zu langweilig ist, ist es in Ordnung, wenn man tagträumt, Pornomagazine liest und selbstverständlich ‚Das kleine Rote‘. Wir können auch anonyme Zettel über den Lehrer schreiben und sie in der Klasse herumschicken.“
Hans war nicht beeindruckt.
„Da hätten wir streng genommen auch selbst drauf kommen können.“
„Ja, aber das Buch sagt, dass auch das ganz in Ordnung ist, wenn wir nicht von selbst drauf gekommen sind, und wir uns deswegen nicht zu schämen brauchen.“
„Okay, es ist natürlich nett zu wissen, dass man irgendwo einen Unterstützer hat, wenn man mal ausflippt.“
Frode fuhr fort.
„Wenn das nichts hilft, lässt sich das System umgehen, indem man die langweiligen Hausaufgaben gemeinsam macht und sich mit anderem Material beschäftigt, als mit dem, das man bekommen hat.“
Bernhard war etwas in Auge gefallen.
„Hier steht was über Toiletten.“
„Ja, falls die Toiletten schmuddelig sind, sollen wir einfach die der Lehrer benutzen.“
„Astrein. Die sind nämlich oft saumäßig vollgeschissen und vollgepisst.“
„Das ist nun aber praktisch unsere eigene Schuld.“
„Da behält man nur schwer die Kontrolle drüber, wenn man Bauchschmerzen hat, weil man im Unterricht vom Lehrer schikaniert wird.“
„Hier ist noch was. Will man einen Lehrer loswerden, kann man einfach versuchen, mit ihm ins Bett zu gehen. Das ist ein todsicherer Weg für seine Entlassung.“
„Das Buch ist nicht gerade zimperlich.“
„Da steht: ‚Man sieht es als schlimmer an, wenn ein Lehrer mit einem Schüler ins Bett geht, als wenn er die Schüler quält und schindet.‘“
„Das lohnt sich, da mal drüber nachzudenken. Herrn Jacobsen wäre ich gerne los.“
„Da hast du wohl keine großen Chancen, Martin.“
„Na ja, aber wenn man Herrn Jacobsen trotzdem aufs Glatteis locken könnte, würde es vielleicht noch zusätzlich pikant werden.“
„Halt dich im Zaum, Martin. Kannst du dich nicht damit zufriedengeben, dich mich Fräulein Halvorsen anzulegen?“
„Die Halvorsen?“
Martin musste kurz die Lage überdenken.
„Ja, die würde ich mir schon gerne dahin wünschen, wo der Pfeffer wächst.“
„Ist das nicht übrigens irgendwo in China oder in der Gegend da?“
„Nein, ich glaube nicht, dass ich Fräulein Halvorsen näher kommen möchte.“
„Aha, wieso denn nicht?“
„Die ist doch so unsexy, wie man es sich nur vorstellen kann.“
„Dann hat sie bestimmt ein unbefriedigtes Bedürfnis. Sie ist ja nicht verheiratet.“
„Du könntest sie bestimmt dazu bringen, ziemlich weit zu gehen, denke ich.“
„Ja, aber als Typ soll man ja mehr was mit einem Flittchen anfangen, ansonsten … du weißt schon … läuft da unten ja nix.“
„Du könntest dir doch vorstellen, sie wäre Sylvia.“
„Ja, das würde natürlich helfen …”
„Also, was sagst du?“
„Es ist doch nur so, dass wir am Ende bestimmt alle beide der Schule verwiesen werden, und dann muss ich ja auf euch kolossal charmante Kameraden verzichten.“
„Nein, das wäre natürlich ein Schlag ins Kontor, ganz klar.“

Das Buch war weiter im Kreis gewandert.
„Hier steht was über Drogen.“
„Haben die bewusstseinserweiterten Typen dazu auch eine Meinung?“
„Da steht, man soll mit Stoff wie LSD vorsichtig sein, weil die Wirkung unvorhersehbar und womöglich sogar tödlich sein kann. Deshalb sind sie der Meinung, dass es sicherer ist, davor zu warnen.“
„Ich hatte auch gar nicht vor, damit zu experimentieren. Ich habe von Leuten gehört, die von Drogen wie Meskalin und LSD blöd in der Birne geworden sind.“
„Was steht da über Hasch?“
„Hasch und Marihuana werden als Drogen bezeichnet, die weit weniger Kopfschmerzen machen als Alkohol. Sie machen nur sozial abhängig, ähnlich wie Sprit und Tabak. Die Gefahr bei Hasch ist die Kriminalität, die das Verbot mit sich bringt. Es wird auch etwas darüber gesagt, wie man das beste Erlebnis aus Hasch herausholt.“
„Das ist ja praktisch so was wie eine Gebrauchsanleitung.“

Bente hatte etwas weniger Explosives gefunden.
„Die Autoren sind auch dagegen, dass die Unterrichtszeit sich bis in die Freizeit erstreckt. ‚Weil Hausaufgaben die meisten Schüler langweilen, sind die Stunden, die du von deiner Freizeit dafür aufwendest, im Allgemeinen verschwendete Zeit.‘“
„Da gehe ich mit. Wenn die Schule endlich vorbei ist, gibt es nichts Bittereres als zu Hause die Hausaufgaben.“
„Ich schiebe sie auch immer bis zum letzten Augenblick auf.“
„Ja, und dann soll man ein schlechtes Gewissen und Schuldkomplexe haben.“
„Aber die brauchen wir eben nicht zu haben.“
Bente zitierte.
„Ein Stundenplan ist etwas, dem man unterworfen wird, damit die Schule die Schulkinder besser lenken kann, aber die Kinder merken selbst, ob der Unterricht schlecht ist, und reagieren darauf. ‚Gerade weil die meisten Lehrer gerne beliebt sein wollen, seid ihr es, die die Macht haben. Ihr braucht den Lehrer bloß unbeliebt zu machen.‘“
„Wohl überlegenswert.“

Hans wurde nachdenklich.
„Etwas sagt mir, dass wir ein kameradschaftliches Gespräch mit unserem Klassenlehrer über diese erhabene kleine Schriftsammlung führen sollten.“
„Nein, davon wird im Buch von den Autoren abgeraten.“
„Wieso denn das?“
„Wir sollten diese Sachen nicht mit dem Lehrer diskutieren, um nicht mit unsachlichen Argumenten ausgeknockt zu werden.“
„Die haben die Sache wirklich durchdacht.“
„Ein schönes Gefühl, dass jemand zu uns hält, wenn wir uns zu absoluten Deppen machen.“
„Vielleicht ist es an der Zeit für eine hübsche, kleine Revolution?“
„Du wirst nur den Arsch vollbekommen.“
„Ich werde selbstverständlich anführen, dass es ein Beitrag zur Schaffung einer neuen und besseren Gesellschaft ist, damit die Zukunft hell und glücklich für uns alle erscheint, inklusive der unterdrückten Lehrer, die die unbewussten Handlanger des etablierten Systems sind.“
„Das Problem ist, sie davon zu überzeugen.“
„In China geht es nicht darum, jemanden von irgendetwas zu überzeugen, man ergreift einfach die Macht, und dann sind es die neuen Losungen, die gelten, und an die haben sich einfach alle zu halten, denn eine Alternative dazu gibt es nicht.“
„Ich habe so das Gefühl, dass das Chinaland ein bisschen anders ist als unseres hier.“
„Da denke ich, da hast du recht, Katrine.“

KLINGELLL!

„So, jetzt klingelts auch schon wieder. Wir haben bei Frau Martinsen die Wasserfälle.“
„Lasst uns damit anfangen, alle Fälle abzuschaffen.“
„Dann werden die Deutschen aber traurig sein.“
„… und die Finnen. Die haben wohl so fünfzehn oder achtzehn von der Sorte.“
Kuinka kalliit olohuoneen uudet tapetit olivat.
„Wie ich eben schon sagte.“

Wir gingen zur nächsten Stunde in die Klasse hoch. Frode ließ „Das kleine Rote“ auf dem Tisch liegen. Irgendwann fiel es Frau Martinsen ins Auge.
„Was hast du da, Frode?“
„Das kleine Rote.“
„Maos kleines Rotes?“
„Nein, ‚Das kleine Rote für Schüler‘.“
„Ach das.“
„Ja, das.“
„Steht da etwas drin, wofür du eintrittst?“
„Das Buch rät davon ab, den Inhalt mit den Lehrern zu diskutieren.“
„Ach ja, da war ja was gewesen. Aber wieso eigentlich?“
„Weil wir riskieren, dass die Lehrer mit unsachlichen und manipulativen Argumenten kommen, die die Schlussfolgerungen des Buchs in Zweifel ziehen.“
„Seid ihr denn nicht selbst in der Lage, so etwas zu durchschauen?“
„Das Problem ist, dass die Argumente der Lehrer auf die geltende Logik der spätkapitalistischen Gesellschaft aufbauen.“
„Aha, es geht also um Systemkritik?“
„Das lässt sich sicher nicht vermeiden.“
„Dann gehört diskutieren also zum Bösen?“
„Das Buch wird sicher der Meinung sein, dass es zwecklos ist.“
Frau Martinsen gab nicht auf.
„Also tritt man entweder dafür ein, dass das System geändert werden muss oder aber man tut es nicht?“
„Ja, so habe ich es verstanden.“
„Aber ebenso wie das gegenwärtige System seine Fehler und Mängel hat, so wird das neue System doch wohl auch welche haben?“
„Das ist gut möglich, aber das lässt sich vorher nicht so leicht durchschauen.“
„Da hast du etwas Wichtiges gesagt, Frode. Denn glaub mir, die Gesellschaft nach der Revolution wird auch ihre Nachteile haben, aber das entdeckt man erst später.“
„Ja, und dann?“
„Dann ist es zu spät. Dann hat man nämlich die Demokratie abgeschafft, die garantiert, dass einem die Möglichkeit bleibt, von den Dingen verschont zu werden, für die die Zeit keine Mehrheit bringt. Nach einer autokratischen Machtübernahme gibt es keinen Weg zurück und man muss mit dem Einparteiensystem leben, das dann herrscht, denn es wird sich nicht wieder abschaffen lassen, und wohl noch nicht einmal Kritik erlauben.“
„Das Gespenst des Kommunismus?“
„Nenn es, wie du willst, Frode. Gibst du dem Teufel den kleinen Finger, nimmt er die ganze Hand und den Arm gleich dazu.“
„Wie ich sehe, wird der Klassenkampf also ohne ihre loyale Unterstützung stattfinden?“
„Ja, darauf kannst du direkt Gift nehmen, Frode. Und würdest du mir dann gleich noch die Worte nennen, die den Akkusativ beherrschen?“

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